5.1.1.2 Orgelkunde
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Von Pfeifen, Registern und Prospekten
(Eine Einführung in die Grundprinzipien über den Aufbau von Orgeln 
aus dem "Orgelführer Deutschland" von K.-H. Göttert und E. Isenberg,
erschienen im Bärenreiter-Verlag - 2. Auflage 1998)

Orgeln bilden ihre Klänge mit Hilfe von Pfeifen. Wie beim Klavier kurze und lange Saiten per Tastendruck mit Hämmern angeschlagen werden, so existieren im Falle der Orgel kurze und lange Pfeifen, die dem Wind ihr Ertönen verdanken - Tasten öffnen die entsprechenden Ventile. Der gravierende Unterschied: Das Klavier verfügt über eine Reihe von (jeweils doppelten oder dreifachen) Saiten, die Orgel über eine Vielzahl von Pfeifenreihen: die Register. Man kann sie entweder einzeln spielen oder in jeder gewünschten Kombination, natürlich auch alle zusammen im Tutti. Nur steckt in der Vielzahl der Register mehr als eine Art Kumulationseffekt. Die Register unterscheiden sich erheblich voneinander, und der erste Schritt zur Kunst des Orgelbaus liegt in der passenden Zusammenstellung. Die schönsten Stimmen nützen nichts, wenn sie nicht aufeinander >abgestimmt< sind. Sehen wir uns diese Register zunächst etwas genauer an. Man kann dabei zwei Gesichtspunkte voneinander unterscheiden.

Zunächst der erste. Anders als beim Klavier gibt es nicht nur verschiedene Register, sondern diese klingen in unterschiedlicher Tonhöhe. Register, deren Töne genau so klingen wie die entsprechenden auf dem Klavier, haben aus physikalischen Gründen eine Pfeifenlänge, die beim tiefsten Ton 8 Fuß beträgt (ca. 2,40 m) - Ausnahmen später.
Genau danach heißt ein solches Register Achtfuß, geschrieben 8' (auch als Grundstimme bezeichnet). Über vier Oktaven hinweg verkleinern sich die Pfeifen pro Oktave um die Hälfte, so dass die letzte Pfeife ca. 30 cm misst. Nun hat die Orgel aber nicht nur 
8'-Register, sondern sowohl tiefere wie höhere. Verfügt sie über ein 16'- oder gar ein 
32'-Register, so klingt jeder Ton genau eine bzw. zwei Oktaven tiefer als beim 8' (oder beim Klavier), verfügt sie über ein 4'-Register, dann eine Oktave höher, beim 2' und 1' wieder je eine Oktave höher. Es entstehen also Klangsäulen, und zwar ziemlich große. Spielt der Organist im Tutti einer großen Orgel einen vierstimmigen Akkord, so erklingt viermal eine fünfstöckige Säule mit einem Gesamtumfang von 9 Oktaven.

Ehe wir uns in weitere Kompliziertheiten versenken, zunächst der zweite Punkt. Es gibt nicht nur Register unterschiedlicher Tonhöhen, sondern auch unterschiedlicher Klangfarben. Der Grund liegt darin, dass Pfeifen verschieden konstruierbar sind, und zwar zu-nächst einmal nach genau zwei Grundprinzipien. Schneide ich eine Holz- oder Metallpfeife auf, versehe sie mit einer Art Mundloch samt entsprechenden Lippen und verenge an dieser Stelle innen das Ganze mit einem Keil, so dass sich die von unten einströmende Luft durch einen Spalt hindurchzwängen muss, beginnt die Luft zu wirbeln: Es entstehen Schwingungen, die wir als Töne hören. Genau so funktioniert eine Blockflöte. Alle Pfeifen, die nach diesem Prinzip arbeiten, heißen Lippen- oder Labialpfeifen. Die gleichen Schwingungen aber lassen sich auch anders hervorrufen, und zwar mittels eines dünnen Metall- oder Rohrplättchens, das in den Luftweg eingebaut wird. In diesem Fall bringt die Luft das Plättchen zum Schwingen und dieses wiederum die über ihm befindliche Luftsäule. Genau so funktioniert eine Klarinette (oder mit Doppelblatt die Oboe). Alle Pfeifen, die nach diesem Prinzip arbeiten, heißen Zungen- oder Lingualpfeifen (bzw. kurz: Zungen). Sie klingen deutlich anders als ihre labialen Geschwister, aber Labial- wie Zungenpfeifen sind beide auch selbst wiederum erheblich abwandelbar. Es gibt sie in verschiedenen Tonhöhen und Tonstärken, vor allem aber auch in verschiedenen Klangfarben. 

Versenken wir uns ein wenig in die Einzelheiten, um später die Disposition einer Orgel (also die Zusammenstellung der verschiedenen Register) besser lesen zu können.

Wir sagten, dass Pfeifen Töne erzeugen, und müssen dies nun präzisieren. Genau genommen erzeugen sie nämlich Klänge, die sich aus einem Grundton und dessen Obertönen zusammensetzen. Den Grundton hören wir als den Ton einer bestimmten Stufe oder Höhe (den wir nachsingen könnten), die Obertöne als dessen klangliche Färbung. Wenn Pfeifen unterschiedlich klingen, so liegt dies also an der unterschiedlichen Art, wie sie Obertöne bilden, was wiederum mit der Bauweise zusammenhängt.

Zunächst zu den Labialpfeifen und ihren Untergruppen. Eine von ihnen ist die bekannteste Pfeifenart überhaupt, weil diese fast immer im Prospekt einer Orgel zu sehen ist: der Prinzipal, also der erste unter Seinesgleichen. Diese Pfeifen sind oben offen und haben einen mittleren Durchmesser. Damit kommt ein klarer Grundton zustande und nur so viele Obertöne, dass dieser Grundton nicht zu sehr verdeckt wird. Deshalb dienen die Prinzipale auf ihren verschiedenen Oktavstufen als das Grundgerüst des vollen Orgel-
klangs. Wenn man vom 32' bis zum 1' prinzipalige Register wählt, kommt ein kräftiger Gesamtklang heraus, dessen einzelne Töne man gut durchhört: Voraussetzung für polyphones Spiel wie in einer Fuge. Es gibt aber auch andere Labialpfeifen. Man kann sie z. B. oben verschließen, so dass sich der Ton in einer Art Rolle rückwärts bildet (und man nur die halbe Pfeifenlänge für die gewünschte Tonhöhe braucht). Diese sogenannten 
Gedackten haben nur ungerade Obertöne und klingen weich - es sind die leisen, die zu-rückhaltenden Stimmen. Ferner kann man die Pfeifen zwar offen lassen, aber ihren Querschnitt vergrößern. Dies ergibt einen noch klareren, aber auch etwas weniger kräftigen Grundton, wie ihn die Flöten bieten. Verkleinert man umgekehrt den Durchmesser, so nehmen die Obertöne zu, was den Grundton entsprechend verdeckt und einen relativ scharfen Klang bewirkt. Das Ganze ähnelt dann den Streichinstrumenten, wonach die Register gelegentlich auch ihre Namen haben (wie etwa im Falle der Gambe). Schließlich gibt es weitere Möglichkeiten, indem man die Pfeifen entweder noch enger baut, so daß sie überblasen wie unsere Querflöten, dass man sie statt zylindrisch konisch (also spitz zulaufend) anfertigt oder Tricks wie den anwendet, dass man bei einem großen Gedackten mittels eines Röhrchens etwas Luft nach oben entweichen lässt. In großen Orgeln sind Vertreter aller dieser Familien komplett vorhanden, d. h. mindestens als 16'-, 8'-, 4'- und 2'- Register. Man spricht dann vom Prinzipal-, Gedackt-, Flöten- und Streicherchor. Wechselt der Organist zwischen diesen Registerfamilien, so ändert sich jedesmal die Klangfarbe erheblich. Andererseits kann man die Farben mischen, einen Prinzipalchor z. B. durch Flöten weicher machen.

Nun der Sprung zu den Zungen. Auch sie existieren in unterschiedlichen Tonhöhen und Klangfarben. Als offene Pfeifen nach Art der Prinzipale gebaut, haben wir die tonstarken Bombarden und Posaunen, Trompeten und Clairons, d. h. als 32'-, 16'-, 8'- und 4'-Register. Sie geben dem Gesamtklang Kraft oder bilden, solistisch verwendet, eine Art Fanfarenchor. Die Krönung in dieser Hinsicht stellt das französische Chamadewerk dar, eine Trompeteria in allen Fußtonlagen, die nicht stehend, sondern liegend, also direkt in den Raum hineintönend montiert und häufig auch im Prospekt sichtbar ist. Neben diesem Kraftpaket, das zudem mit erhöhtem Winddruck versorgt wird, gibt es auch ganz andere Zungen, die als leisere Register Blasinstrumente oder gar die menschliche Stimme imitieren: die Klarinette oder die Vox humana beispielsweise, natürlich ausgesprochene 
Solisten. In der Barockzeit baute man auch Stimmen mit bewusst schnarrendem Klang, die ebenfalls damaligen Instrumenten abgeschaut waren wie z. B. dem später aus der Mode gekommenen Krummhorn.

Schließlich bildet die letzte große Gruppe ein Registertyp, der ganz und gar orgeltypisch ist. Erinnern wir uns noch einmal daran, dass eine Pfeife nicht nur einen Ton bildet, sondern auch Obertöne, die sich aus Oktaven, Quinten, Terzen usw. zusammensetzen. Diese Obertöne hört man nicht als Töne, sondern als Klangfarbe. In der Orgel gibt es nun Register, die diese Obertöne auch hörbar wiedergeben. Bei einer Terz beispielsweise klingt auf der C-Taste kein C, sondern ein E, im Falle einer Quinte statt C ein G. Diese sogenannten Aliquoten (die man an den gebrochenen Zahlen erkennt, die ihre Fußhöhe wiedergeben: z. B. 2²/3', 13/5' usw.) füllen den Klang zusätzlich auf, eignen sich aber auch für solistische Aufgaben. Einem genügend laut ertönenden Grundtonregister beigemischt, bietet eine solche Stimme eine schöne Färbung des Gesamtklangs. Schließlich werden diese Aliquoten auch zu Gruppen zusammengestellt, so dass pro Taste zwei und mehr (bis zu 12) Pfeifen gleichzeitig klingen: Die Sesquialtera (aus Terz und Quint) und das Kornett (aus Grundton, Terz, Quint und Oktav) sind solche Register, die einen hellen (spitzen) und gut durchdringenden Klang erzeugen. Das seltsamste Register der Orgel in dieser Hinsicht stellt die Mixtur dar. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Quinten und Oktaven pro Taste mit einer zusätzlichen Besonderheit. Dieses Register fängt nicht wie alle anderen tief an und wird immer höher, sondern es fängt schon in der Tiefe hoch an und springt nach etwa zwei Oktaven wieder zurück, um gewissermaßen von vorn zu beginnen (man sagt: die Mixtur repetiert). Die Wirkung ist ein silbriger Glanz, der sich über den von den anderen Stimmen erzeugten Klang ergießt: eine Klangkrone, wie man treffend gesagt hat. Die Barockorgel lebt sehr von diesen Mixturen, die es sogar in verschiedenen Höhen bzw.Schärfen (eine davon heißt nicht zufällig Scharff). Die deutsch-romantische Orgel schöpft übrigens ihre Kraft eher aus den dunkleren Grundstimmen, die französisch-romantische aus den kräftigen Zungen.

Nach diesen Informationen zur klanglichen Seite der Orgel zuletzt etwas zur optischen, zum Prospekt. Seit den Anfängen hat man die Pfeifen in der Regel in Schränken untergebracht, die eine optimale Abstrahlung gewährleisten, daneben auch gegen Verunreinigung schützen. Im Prinzip gibt es zwei Haupt-Aufstellungsmöglichkeiten: einmal fest-stehend auf der (West-) Empore, zum anderen aufgehängt an einer Wand im Längsschiff - das sogenannte Schwalbennest. Natürlich können die Formen dabei im einzelnen fast unendlich variieren. Im Barockzeitalter legte man den Prospekt so an, dass man die einzelnen Teilwerke mit einem Blick erkennen kann: direkt vor dem Organisten das Brustwerk, darüber das Hauptwerk, ganz oben das Ober- oder Kronwerk, die langen Pedalpfeifen in Türmen rechts und links in den Ecken, schließlich das Rückpositiv (auch: Brüstungspositiv) hinter dem Spieler, von der Kirche her gesehen als Verkleinerung des Hauptteils in der Brüstung. Wie ausgegossen über das Ganze kam dann noch viel Schmuck hinzu, die sogenannten Schleierbretter zum Beispiel, die im oberen Teil des Schrankes die Pfeifenenden verkleiden, aber auch etwa Figuren auf den Podesten. In der Romantik bevorzugte man eine Art Einheitsfront (mit eher elegantem statt verspieltem Dekor), bei der die großen Pfeifen ohne weitere Unterteilung dominieren. Heutzutage sind alle Möglichkeiten offen: Die Orgelbauer >spielen< mit den Traditionen oder wählen auch bewusst asymmetrische oder sonstige ungewöhnliche Formen. Natürlich kann man ein klangliches Aschenputtel mit dem schönsten Outfit nicht zur Prinzessin machen. Aber es gilt auch das Umgekehrte: Eine gelungene Orgel sollte sich nicht genieren, in ansprechendem Kleid zu erscheinen - alles Nähere entscheidet der Geschmack.


IHNEN ZUR FREUNDLICHEN LEKTÜRE ZUGEDACHT VOM
ORGELBAUVEREIN BAUDENKMAL AUFERSTEHUNGSKIRCHE E.V.

 

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Stand: 11. Juli 2007